Gedanken & Perspektiven

Patchwork oder Blended Family? Warum Worte unser Gefühle formen.

Als ich meinem Ausbilder Prof. Dr. Paul Greenmanvon der Arbeit mit „Patchwork-Familien“ erzählte, schaute er mich verwundert an. Er hatte diesen Begriff in diesem Kontext noch nie gehört. Im Englischen spricht man von der „Blended Family“. Und wenn wir diesen Begriff auf uns wirken lassen, spüren wir eine ganz andere, viel weichere und inklusivere Qualität:


Patchwork: Das Wort erinnert an einen Flickenteppich. Einzelne Stücke werden aneinandergenäht. Der Fokus liegt auf den Nähten, den Brüchen und der Tatsache, dass die Teile eigentlich „fremd“ zueinander sind.


Blended Family: Dieser Begriff ist eine Einladung. Wie bei Zutaten, die sich vermengen, entsteht hier etwas Neues, Eigenes. Es suggeriert: Wir gehören zusammen. Wir vermischen uns zu einer neuen Einheit, in der niemand mehr „fremd“ ist.


Prof. Greenmans Verwunderung hat mir gezeigt: Vielleicht macht uns der Begriff „Patchwork“ das Leben unnötig schwer. Aus der emotionsfokussierten Perspektive (EFT) ist „Blended“ genau das, was wir suchen: Das Gefühl, dass sich zwei Welten nicht nur nebeneinander arrangieren, sondern emotional verbinden. Doch der Weg zu diesem „Wir-Gefühl“ ist oft steinig, bevor sich die Zutaten wirklich vermischen.


Wenn der Wunsch nach dem „Blended“-Gefühl auf die Realität trifft, entstehen in der Paartherapie oft zwei schmerzhafte Positionen, die das Zusammenwachsen blockieren:
Die "außenstehende" Position (oft der*die neue Partner*in): Diese Person fühlt sich häufig ausgeschlossen, wenn die biologische Einheit (Elternteil + Kind) interagiert. Unter Wut über die Erziehung, die Unordnung oder das Verhalten des Kindes liegt oft „Bin ich hier überhaupt wichtig? Habe ich einen Platz in dieser neuen Mischung? Ich fühle mich einsam in meinem eigenen Wohnzimmer.“ Die "zerrissene" Position (das leibliche Elternteil): Dieser Part steht in einem massiven Loyalitätskonflikt zwischen der alten und der neuen Bindung.
Unter der Verteidigung des Kindes, Rückzug, Vorwurf der Kaltherzigkeit an das Gegenüber liegt oft „Ich habe Angst, zu versagen. Ich werde zerrieben zwischen den Bedürfnissen meines Kindes und denen meinesmeiner Partnerin.“


In der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) versuchen wir, die Angst vor dem Fremdsein zu nehmen, damit echte Verbindung entstehen kann:
Den „Feind“ neu definieren: Nicht der*die Partner*in oder das „schwierige Kind“ verhindert das Zusammenwachsen, sondern der Zyklus aus Kritik und Rückzug.
Es ist normal, sich anfangs noch nicht „vermischt“ zu fühlen. Die Anerkennung, dass es Zeit braucht, bis aus zwei Familienkulturen eine neue „Blended Family“ wird, nimmt den Druck raus.


Vielleicht sollten wir öfter das Bild der „Blended Family“ nutzen. Es erinnert uns daran, dass das Ziel nicht das bloße „Zusammenflicken“ des Alltags ist, sondern das langsame, liebevolle Entstehen einer neuen, gemeinsamen Identität.

„Wir kommen zur Paartherapie – dann wird es wieder gut, oder?“

Ich erlebe Paare, die starten in die Paartherapie mit den Erwartungen auf klare Antworten, schnelle Lösungen oder konkrete Werkzeuge, die das Zusammenleben wieder leichter machen.

In der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) ist es wichtig, hier von Beginn an ehrlich zu sein: Paartherapie ist kein Service, den man konsumiert. Sie ist ein Prozess, den man gemeinsam gestaltet.  Als Therapeutinnen und Therapeuten können wir einen sicheren Rahmen schaffen, festgefahrene Muster sichtbar machen und dabei helfen, Gefühle und Bindungsbedürfnisse besser zu verstehen.


Was wir nicht übernehmen können, ist die eigentliche Veränderung. Emotionale Nähe lässt sich nicht verordnen. Verletzlichkeit lässt sich nicht abkürzen.

Paartherapie wirkt nicht, weil man aller zwei Wochen daran teilnimmt.
Die zentrale Arbeit geschieht zwischen den Sitzungen.
Dann, wenn Paare beginnen, langsamer zu reagieren, anders zuzuhören und Verantwortung für den eigenen Anteil im Bindungsgeschehen zu übernehmen.

Diesen Prozess bei den Paaren in meiner Praxis zu beobachten und zu sehen, wie sie es schaffen, toxische Muster zu überwinden und wieder miteinander in Kontakt kommen, ist das schönste Geschenk für mich.

Seelische Gesundheit - warum Paarbeziehungen dazugehören!

Psychische Gesundheit: oft denken wir dabei zuerst an Stressbewältigung, Achtsamkeit oder Therapieangebote. Doch ein entscheidender Faktor wird manchmal übersehen: unsere Paarbeziehungen.

Eine Partnerschaft kann wie ein Resonanzraum für unsere seelische Verfassung wirken. In einer gesunden Beziehung finden wir Sicherheit, Unterstützung und Zugehörigkeit. Wertschätzender Austausch, liebevolle Nähe und das Gefühl, gesehen zu werden, stärken unser Selbstwertgefühl.
Konflikte dürfen da sein – entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Offene Kommunikation, Empathie und gemeinsame Lösungswege schützen vor Eskalation und innerer Vereinsamung.

Studien zeigen: Menschen in stabilen, respektvollen Beziehungen haben ein geringeres Risiko für Depressionen, Angststörungen und Burnout. Gleichzeitig fördern Partnerschaften, in denen Dauerstress, Abwertung oder emotionale Distanz dominieren, das Gegenteil – sie können zur Belastung für die Psyche werden.

Darum gehört das Thema Paarbeziehung untrennbar zur seelischen Gesundheit. Sich als Paar bewusst Zeit füreinander zu nehmen, Verletzlichkeit zu teilen und Nähe zuzulassen, ist nicht Luxus – es ist präventive seelische Gesundheitsfürsorge.

Wir dürfen also fragen:
Was nährt uns in unserer Beziehung?
Wo wünschen wir uns Veränderung?
Und wie können wir gemeinsam wachsen?

Emotionsfokussierte Paartherapie – warum sie wirkt!

In meiner Arbeit als Paartherapeutin erlebe ich immer wieder, wie sehr Paare davon profitieren, wenn sie den Mut haben, ihre verletzlichsten Gefühle miteinander zu teilen. Die Emotionsfokussierte Paartherapie (EFT) bietet genau dafür einen sicheren Raum.

Anstatt sich in Vorwürfen oder Rückzug zu verlieren, lernen Paare, die tieferen Bedürfnisse hinter ihren Reaktionen zu verstehen – und diese in einer verbindenden Weise auszudrücken. Dadurch entstehen neue Begegnungsmomente, die Nähe und Vertrauen zurückbringen.

Was mich persönlich besonders überzeugt: EFT ist wissenschaftlich fundiert und international erforscht. Studien zeigen, dass sie nicht nur die Zufriedenheit in Beziehungen steigert, sondern auch die emotionale Verbundenheit nachhaltig stärkt.

Ein eindrückliches Beispiel dafür, warum EFT wirkt, kommt aus der Neuroforschung: In einer fMRT-Studie hielten Partner*innen während einer angstauslösenden Situation (angekündigte leichte Stromstöße) die Hand ihres Gegenübers. Allein dieses Halten dämpfte die Bedrohungsreaktion im Gehirn – deutlich stärker als die Hand einer fremden Person oder gar keine Hand. Entscheidend: Je sicherer und verbundener die Beziehung, desto größer der beruhigende Effekt.

Spannend für unsere Praxis: Eine nachfolgende fMRT-Studie zeigte, dass nach einer EFT-Behandlung die Hand des/der Partner:in das Gehirn noch wirksamer beruhigt – die neuronale Reaktion auf Bedrohung wird in Anwesenheit des geliebten Menschen messbar heruntergefahren. Das heißt: Durch EFT wird die Bindung nicht nur subjektiv als sicherer erlebt, sie reguliert auch objektiv Stress im Gehirn.

Die Fortschritte, die ich in meiner Praxis sehe, sind oft berührend: Paare, die vorher im „Kampfmodus“ verharrten, beginnen, einander wieder offenen und wohlwollend zu begegnen.

Studien:
- Coan, Schaefer & Davidson (2006): Lending a Hand: Social Regulation of the Neural Response to Threat (Psychological Science)

- Johnson et al. (2013): Soothing the Threatened Brain: Leveraging Contact Comfort with Emotionally Focused Therapy (PLOS ONE, inkl. Open-Access-Volltext)

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Warum gute Paarbeziehungen mehr Freiheit bringen – nicht weniger!

Neulich in einem Beziehungsgespräch:
„Ich will ja einfach nur, dass du mich verstehst – ohne dass ich’s immer sagen muss.“
...Pause...
„Und dass wir uns wieder näher sind.“
..Pause...
„Aber ich will auch einfach mal meine Ruhe.“

Willkommen in der ganz normalen Paradoxie moderner Beziehungen.

  • Nähe und Autonomie.
  • Sicherheit und Freiheit.
  • Gemeinsamkeit und Eigenständigkeit.


Viele erleben das wie ein Widerspruch. Dabei ist es der Kern emotional reifer Beziehung.
Der Fachbegriff dafür: Differenzierung. Oder einfacher gesagt: „Ich liebe dich – und ich bleib trotzdem bei mir.“

Der Psychotherapeut David Schnarch bringt in "Die Psychologie der sexuellen Leidenschaft" auf den Punkt: "Differenzierung bedeutet, zwei elementare Lebenskräfte in Einklang zu bringen: das Bedürfnis nach Individualität und das Bedürfnis nach dem Miteinander. (...) Wenn die zwei Lebenskräfte (...) in ausgewogener gesunder Weise Ausdruck finden, kann eine sinnerfüllte zwischenmenschliche Beziehung entstehen, die nicht in eine emotionale Verschmelzung umschlägt."

Und das ist kein Ego-Trip. Im Gegenteil:
Erst wenn ich mich sicher gebunden fühle, kann ich mir erlauben, Ich zu sein – ohne Angst, dich zu verlieren. Sichere Bindung ist kein Käfig. Sie ist ein sicherer Hafen, von dem aus man mutig losgehen kann. Auch in die eigene Tiefe.

Wie finden wir die passende Paartherapie für uns?

Wenn Gespräche nicht mehr weiterhelfen, emotionale Nähe schwindet oder Streit den Alltag prägt, denken viele Paare über eine Therapie nach. Doch wie findet man die richtige Paartherapie – und jemanden, bei dem beide sich verstanden fühlen?

Hier drei zentrale Tipps, die Ihnen helfen:

1. Erkennen Sie Ihren gemeinsamen Bedarf.
Bevor Sie sich auf die Suche begeben, klären Sie gemeinsam:
Was möchten wir durch eine Therapie erreichen?
Ist unser Ziel Versöhnung, Klarheit, Trennung in Würde – oder einfach besseres Verstehen?
Sind wir beide bereit, Zeit, Energie und Offenheit mitzubringen?

Diese Fragen helfen Ihnen, gezielter nach der passenden Unterstützung zu suchen.

2. Informieren Sie sich über verschiedene Therapieansätze.
Nicht jede Paartherapie ist gleich. Es gibt unterschiedliche Methoden, die je nach Bedarf unterschiedlich wirksam sein können. Einige Beispiele:

  • Systemische Paartherapie: Betrachtet die Beziehung im Gesamtkontext, z. B. mit Familie, Arbeit und Lebensphasen.
  • Emotionsfokussierte Therapie (EFT): Stellt emotionale Bindung und Sicherheit ins Zentrum.
  • Verhaltenstherapeutische Ansätze: Konzentrieren sich auf Kommunikationsmuster und praktische Lösungen.
  • Integrative Verfahren: Kombinieren mehrere Methoden je nach Situation des Paares.


Je nachdem, wie rational, emotional oder lösungsorientiert Sie arbeiten möchten, kann ein bestimmter Ansatz passender sein.

3. Achten Sie auf Qualifikation und Passung der Therapeut*in.
Eine fundierte Ausbildung (z. B. in systemischer Therapie, Psychotherapie oder klinischer Psychologie) ist essenziell. Achten Sie auch auf:


  • Erfahrung in der Arbeit mit Paaren
  • Sympathie und Vertrauen – bereits beim Erstgespräch spürbar
  • Eine transparente Arbeitsweise (Ablauf, Sitzungsdauer, Kosten, Schweigepflicht)

Paartherapie ist kein Eingeständnis von Scheitern. Sie ist eine Investition in Klarheit, Verbindung – und manchmal in einen Neubeginn.